In Zeiten von Corona – Die Straßenbahn Braunschweig 2020

Auch 2020 war bei der Braunschweiger Straßenbahn wieder ein ereignisreiches Jahr. Die schon für 2019 anvisierte Ablösung der letzten Hochflurzüge lief auch in diesem Jahr nur schleppend und auch Corona konnte den Altwagen entgegen erster Vermutungen nicht den Gar aus machen. Werfen wir einen Blick zurück auf die prägnantesten Geschehnisse bei der Straßenbahn in Braunschweig im vergangenen Jahr.


Wie schrieb ich am Ende meines Braunschweig Rückblick 2019: Spannend wird es auch im kommenden Jahr bleiben, wenn die letzten planmäßigen Hochflurwagen nach und nach durch die zweite Serie der Traminos abgelöst werden sollen“. Langweilig sollte das Straßenbahnjahr 2020 in Braunschweig tatsächlich nicht werden, es kam aber alles wiedermal ganz anders als erwartet und es ist zu erahnen, dass diese Aussage im Jahr 2020 erstmal Garnichts mit irgendwelchen Fahrzeugeinsätzen zu tun hat. Stattdessen wurde die Welt von einer Pandemie eingeholt, die das ganze Leben jedenfalls in einer von meiner Generation noch nicht gekannten Weise auf den Kopf stellte und völlig neue Herausforderungen und Lebensgewohnheiten mit sich brachte. Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen entstanden bei mir in diesem Jahr so viele Aufnahmen der Braunschweiger Straßenbahn, wie wohl in noch keinem Jahr zuvor. Denn auch in Bezug auf den Straßenbahnbetrieb hielt das Jahr 2020 nicht zuletzt wegen Corona viele Überraschungen bereit, die ich versucht habe, so gut es möglich war zu dokumentieren. Damit möchte ich zum Ende dieses völlig wertungsfrei außergewöhnlichen Jahres die Ereignisse bei der Braunschweiger Straßenbahn ein wenig einordnend zusammenfassen. Natürlich spielt das parallele Zeitgeschehen dabei in diesem Jahr eine viel größere Rolle als in der Vergangenheit.


1. Corona erreicht Braunschweig

Um ein Thema ist natürlich im Jahr 2020 nicht herumzukommen: Corona. Wie bei allen Straßenbahnbetrieben in Deutschland, hatte das Herunterfahren des öffentlichen Lebens ab Mitte März auch auf die Straßenbahn in Braunschweig drastische und in dieser Form nie dagewesene Auswirkungen. Nach dem Wochenende vom 14.-15. März wurde in Braunschweig das öffentliche Leben nach und nach weitgehend heruntergefahren. Abgesehen von der Grundversorgung hatte so gut wie alles seine Türen mindestens bis Ende April geschlossen. Wozu braucht man also noch eine Straßenbahn, wenn es nichts gibt, wo man hinfahren könnte?

So wurde der Betrieb in mehreren Schritten heruntergefahren: Die ersten Auswirkungen zeigten sich schon am 14. März. Der Stadionverkehr zum Eintracht-Stadion an der Hamburger Straße fiel aus, der deutsche Profifußball pausierte auf unabsehbare Zeit.
Zum Wochenbeginn kam dann mit der Schließung der Schulen die Ankündigung, auf Ferienfahrplan umzustellen. Kurioserweise wurde dann am Montag den 16. März doch noch einmal das volle Programm gefahren, bevor zum Dienstag der Ferienfahrplan mit 15-Minuten-Takt auf den Linien 1 bis 5 und 30-Minuten-Takt auf der Linie 10 einsetzte. Vermutlich konnten die Dienstpläne in der Kürze der Zeit einfach noch nicht vollständig angepasst werden. Auch dieses Angebot wurde nur wenige Tage aufrecht erhalten – die Ausmaße und zunächst unabsehbare Dauer der Notverordnungen wurden langsam deutlich. So kam das öffentliche Leben mit den Corona-Notverordnungen spätestens zum 18. März nahezu vollständig zum Erliegen. Folgerichtig und auch zum Schutz des eigenen Personals, wurde daher auch das Angebot des ÖPNV ab Montag den 23. März auf ein Minimum reduziert. Konkret bedeutete dies einen 30-Minuten-Grundtakt auf den Linien 1 bis 5 und die Einstellung der 10. Am Rathaus wurde ein Anschlussverkehr eingerichtet. So trafen sich auf die Minuten 00 und 30 die Linien 1 und 3, auf die Minuten 15 und 45 die Linien 2 und 4. Da die Linie 5 nicht am Rathaus fährt, wurde sie zwischen den Takten gefahren und bot so als einzige Linie keine optimalen Umsteigebeziehungen.

Die zunächst ausgesetzte Linie 10 kehrte dann doch nach kurzer Zeit wieder zurück, da der Besetzungsgrad der Linie 1, gerade unter der Maxime des Abstand-Haltens, nicht haltbar war. Recht sinnlos war allerdings die Fahrplanlage der ebenfalls alle 30 Minuten fahrenden Linie mit nur 5 Minuten Versatz zur Linie 1. Im Folgenden nun die bildlichen Eindrücke rund um den großen Lockdown im Frühjahr:

Montag, 16. März 2020: Der letzte Tag der Hochflurer?

Trotz geschlossener Schulen galt am Montag den 13. März 2020 zum vorerst letzten Mal der Regelfahrplan. So standen an diesem Tag noch einmal alle betriebsbereiten Hochflurfahrzeuge im Einsatz: Während 7751+7771, 7755+7772, 7758+7775, 8157+8175 und 8165+8471 auf der 10 ihre Runden drehten, kamen 7756+7776 auf der 3 zum Einsatz. 7752 kurvte derweil als Fahrschule durch die Stadt. Zum Dienstag wurde der Ferienfahrplan angekündigt und so begab ich mich noch einmal für einige Aufnahmen an die Strecke, denn ob und welche der Züge jemals wieder auf Linie erscheinen würden, war zu diesem Zeitpunkt mehr als unklar.


7756+7776 kamen als einziger Hochflurkurs auf der Linie 3 zum Einsatz und konnten kurz vor der Haltestelle Saalestraße stadtauswärts aufgenommen werden.


Im schönsten Abendlicht lies ich die vier Züge auf der 10 in der Schleife Daimlerstraße an mir vorbeiziehen. Gegen halb sechs kam der werbe-verunstaltete Zug aus 8157+8175 an der Endschleife der Linie 10 an und drückte den vorausfahrenden Zug aus 8165+8471 aus der Schleife. Zur Linie 10 entstand im Frühjahr ein umfangreiches Linienportrait: Revival der Linie 10 in Braunschweig – Ein Linienportrait

NGT8+B4-Hängerzüge auf der Linie 3

Ganz hochflurfrei war Braunschweig dann in Zeiten von Corona doch nicht: Die beiden Hängerzüge NGT8D+B4 aus 0757+7471 und 0758+7472 blieben auf Linie, um mit möglichst fassungsstarken Fahrzeugen das Abstandhalten zu erleichtern. So konnte während des 30-Minuten-Taktes vollständig auf die vergleichsweise kleinen 95er GT6S verzichtet werden. Überraschender Weise kamen die beiden Züge allerdings plötzlich auf der Linie 3 zwischen Volkmarode und der Weststadt zum Einsatz und nicht mehr wie seit Jahren gewohnt auf der Linie 1.

Ursprünglich kamen die Hängerzüge mit ihrer Inbetriebnahme ab Herbst 2008 und der gleichzeitigen Liniennetzreform zunächst auf der neuen Linie M3 Weststadt-Volkmarode zum Einsatz, einige Bahnsteige wurden gar ein kleines Stück verlängert. Mit dem monatelangen Neubau der Fallerslebener Torbrücke am Botanischen Garten ab Sommer 2009, wurden alle vier Züge auf die Linie M1 verschoben und kehrten auch nach Fertigstellung der Brücke nie auf die Linie M3 zurück.

Der unerwartete Einsatz auf der 3 war dann schon eine mittelgroße Überraschung und animierte immer wieder zum Frische-Luft-schnappen entlang der Linie 3. Ansonsten stellte sich der Betrieb fahrzeugseitig recht eintönig dar: Auf der 1 und 3 liefen die 14er Tramino und auf der 2, 4 und 5 hauptsächlich 07er NGT8D.


Eigentlich war ich am 30. März entlang der Linie 3 Richtung Weststadt auf dem Weg zum besten Fischhändler der Stadt. Auf dem Rückweg kam dann allerdings unvermittelt das Gespann aus 0758+7472 entgegen. Nachdem sich bei mir mit dem Zusammenbruch des öffentlichen Lebens Ende März eine gewisse Lethargie eingestellt hatte, war dieses Ereignis der Startschuss zur Wiederaufnahme der fotografischen Umtriebe entlang der Braunschweiger Straßenbahngleise. So erwartete ich den Zug keine Stunde später an der Endhaltestelle Grenzweg in Volkmarode. Ein Gespann, das es auch durchaus mal von hinten zu zeigen lohnt, zumal auch noch die Sonne unvermittelt herauskam.


Inzwischen ist der Zug aus NGT8D 0758 und B4 7472 aus der Weststadt zurück und erreicht in dichtem Schneegraupel den Europaplatz Richtung Volkmarode. Diese Aufnahme ist tatsächlich der einzige Anflug von Winter, den ich im diesjährigen Jahresrückblick zeigen kann. Ansonsten erreichte die weiße Pracht die norddeutsche Tiefebene nur für wenige Stunden in der Nacht und am Morgen war alles bereits wieder geschmolzen.


Im April gab es dafür fast durchgehenden Sonnenschein, was zusammen mit der ungewohnt klaren Stadtluft die Zeit der größten Einschränkungen etwas erleichterte. So leer wie am 6. April 2020 zeigt sich die Szenerie am Botanischen Garten dann normalerweise auch nur am Sonntagmorgen – für einen Montagnachmittag schon fast gespenstisch.


Durch das fast fünfminütige Abwarten der Anschlüsse am Schloss und die ausgestorbenen Straßen, war der Zug am 6. April Richtung Weststadt ganz entspannt zu überholen. Irgendwie war es auch schon lustig mit dem Auto durch die verlassenen Straßen der Stadt zu cruisen, während sich die Mehrheit der Bewohner in ihren Häusern verbarrikadierte. Bin ich ansonsten eigentlich ungern mit dem Auto in der Stadt unterwegs, fiel die Wahl im April immer mal wieder auf das Vierrad, konnte man doch durch die grünen Wellen schwimmen wie selten zuvor und Verbräuche von knapp über fünf Litern im (Geister)Stadtverkehr erreichen. Bei der Ausfahrt aus der Schleife Weststadt Weserstraße gelang ein weiterer Nachschuss auf das ungewöhnliche Gespann an ungewohnter Stelle. 7472 ist immerhin mit inzwischen über 46 Jahren zusammen mit 7471 das älteste Fahrzeug im Braunschweiger Plandienst.


Auch der BBG-Zug kam auf der 3 zum Einsatz. An vielen Tagen waren gar zwei der vier Kurse mit Hängerzügen besetzt, sodass die Züge sich jede Stunde am Rathaus trafen. So auch am 8. April 2020, als ich 0757+7471 zwischen Friedrich-Wilhelm-Platz und Europaplatz aufnahm.


Am Abend des 17. April lief mir am Europaplatz unvermittelt 0757+7472 über den Weg. Im letzten Licht konnte ich den Zug um kurz vor acht hinter dem Alsterplatz Richtung Weststadt aufnehmen.

Leere Straßen für neue Motive

Wie schon bei den Aufnahmen der Hängerzüge angeklungen, bot die Hochzeit der Notverordnungen dank leergefegter Straßen die Möglichkeit, viele Motive umzusetzen, welche in normalen Zeiten hoffnungslos vom Autoverkehr zugefahren werden. Da Zeit ohnehin in mehr als ausreichendem Maße vorhanden war, das Wetter den ganzen April nur Sonnenschein und dank fehlender Verschmutzung stahlblauen Himmel kannte, sich der Aktionsradius aber auf den Umkreis vor der eigenen Haustür beschränkte, machte ich mich fast täglich zu stundenlangen Spaziergängen durch die gespenstisch wirkende Stadt auf. So entstanden in einem Monat, in dem sonst die Hochphase der Reiseaktivitäten beginnt, so viele Braunschweig-Aufnahmen wie vielleicht noch nie zuvor.

Erst Ende April normalisierte sich die Verkehrssituation nach und nach in Einklang mit dem Wiedererwachen des öffentlichen Lebens. Am Montag den 20. April kehrte zunächst der 15-Minuten-Takt auf den Linien 1 bis 5 zurück und es galt im Grunde ein nur in der Nacht noch eingeschränkter Ferienfahrplan. Bis die volle Normalität auf den Gleisen zurückkehrte, dauerte es dann allerdings noch einmal vier Wochen und man fragte sich schon, ob vor den Sommerferien überhaupt noch einmal das volle Fahrplanangebot zurückkehren würde. Am Montag den 18. Mai war es dann allerdings soweit und die nun zwei Monate abgestellten Hochflurzüge rückten zur Verstärkung des Taktes wieder aus dem Betriebshof aus.


Absolut unmöglich ist selbst an Sonntagen in normalen Zeiten der nachmittägliche Blick über die Küchenstraße und Hagenbrücke Richtung St. Katharinen und Hagenmarkt. Die einmalige Chance musste natürlich genutzt werden und selbst im Halbstundentakt lag die Trefferquote bei über 50%. Auch mit NGT8D 0762 klappte es am 6. April wie gewünscht beim Verlassen der kurzen Gleisverschlingung zwischen Hagenmarkt und der Haltestelle Alte Waage.


Auch bei der Aufnahme von Tramino 1454 auf dem Bohlweg ist für ortsunkundige unbedingt zu erwähnen, dass die Uhr zum Zeitpunkt der Aufnahme auf 16:30 stand und es sich beim 8. April 2020 um einen Mittwoch(!) handelte. Außer einigen wenigen Radfahrern war der Bohlweg wie ausgestorben. 1454 fehlte zu dieser Zeit sein Solaris-Logo an der Front. Inzwischen ist bei allen Traminos das Solaris-Logo gegen ein passendes Schild mit dem Schriftzug „BSVG“ getauscht.


Nahezu unmöglich ist im Normalfall auch der Blick über Konrad-Adenauer-Straße und den Europaplatz Richtung Innenstadt, da das Motiv erst gegen Mittag ins Licht rückt und die Straßen dann entsprechend gefüllt sind. Nach mehr als einem Jahr der Abstellung, kam im Frühjahr 2020 auch der Tramino 1466 mal wieder aus dem Betriebshof. Erste Probefahrten des Wagens hatte ich schon im Dezember 2019 beobachten können, mit einem Foto auf Linie klappte es dann aber erst am Ostersamstag den 11. April 2020. Meine letzte Aufnahme des Tramino 1466 war zu diesem Zeitpunkt fast genau 2 Jahre her.


Einfach mal quer über den Willy-Brandt-Platz fotografieren? An einem Samstagnachmittag ein nahezu aussichtsloses Unterfangen. Nicht so in Zeiten von Corona-Notverordnungen, als am Nachmittag des 11. April 2020, NGT8D 0762 auf der Linie 5 zum Hauptbahnhof aufgenommen werden konnte.


Am Montag den 20. April kehrte der 15-Minuten Ferienfahrplan zurück und ich stellte mich einfach mal auf die Hundewiese zwischen Veltenhöfer Straße und der Endschleife der Linie 1 in Wenden um zu schauen, ob denn auch die Hängerzüge auf ihre Stammlinie zurückgekehrt waren. Tatsächlich kam dann nach rund einer Stunde der Zug aus 0757 und 7471 im schönsten Abendlicht Richtung Wenden durch. Das klare Licht, wie sonst nur an eisigen Wintertagen, war Ende April bei angenehmen Temperaturen schon außergewöhnlich.


Irgendwann war der dauerhafte Sonnenschein dann aber zur Normalität geworden und als es am 28. April 2020 nach einem Monat der extremen Trockenheit endlich wieder einmal ordentlich Nass vom Himmel gab, trottete ich einige Stunden durch die Straßen, die angenehme Regenluft inhalierend. Der Einzelhandel öffnete Ende April wieder zaghaft, Lokale und Bars waren aber weiterhin geschlossen und so gab es für die meisten Bewohner der Stadt keinerlei Grund, sich an diesem regnerischen Abend auf die Straßen zu begeben. So ist gegen 20 Uhr am Rathaus tatsächlich abgesehen von der Fahrerin, keine enizige Person an dieser sonst von wildem Trubel geprägten Haltestelle zu sehen.


Mögen die Bilder vielleicht etwas trübselig wirken, an diesem Abend konnte man praktisch spüren, wie die Natur nach wochenlanger Trockenheit aufatmete und zum Leben erwachte. Tramino 1455 aus ungewöhnlicher Perspektive als Linie 3 zwischen den Haltestellen Schloss und Rathaus.


Mit der Wiedereinführung des 15-Minuten-Taktes rückten nach einem Monat auch einige 95er wieder aus und brachten zumindest auf der Linie 4 ein wenig Abwechslung. 9562 konnte ebenfalls am Abend des 28. April 2020 vor der denkmalgeschützen Hortenkachel-Fassade von Galeria aufgenommen werden. Wie es mit dem brachialen Bau weitergeht, ist nach der Schließung des Warenhauses noch nicht geklärt. Nicht wenige Stimmen fordern den Abriss des Kolosses. Wenn nach meiner Meinung gefragt wäre, so wäre auch ich einer freundlicheren Nutzung dieser kostbaren Innenstadtfläche nicht abgeneigt – eine Parkanlage als Eingang zum dahinterliegenden Magniviertel, vielleicht gesäumt von der ein oder anderen Leckereienbude… man wird ja noch träumen dürfen. Sollte es wirklich zum Abriss des grobschlächtigen Klotzes kommen, werden sicher nur überteuerte neue Appartement-Gebäude entstehen…


Auch am 1. Mai hatten Lokale, Bars und Clubs weiterhin geschlossen und gegen 19 Uhr tendierte auch der Publikumsverkehr des zaghaft öffnenden Einzelhandels gegen null. So konnte 0759 auf der Linie 5 nach Broitzem in der Georg-Eckert-Straße völlig ungestört mitten auf der Fahrbahn stehend aufgenommen werden. Seit den Sommerferien wird dieser Abschnitt vom Abzweig in die Georg-Eckert-Straße bis zur Haltestelle Museumsstraße grundlegend saniert. Sollten die Arbeiten ursprünglich Ende des Jahres abgeschlossen sein, verzögert sich die Fertigstellung noch über den Jahreswechsel bis ins Frühjahr, wodurch die Linien 4 und 5 weiterhin über den Hauptbahnhof umgeleitet werden.


Einzig 7752 konnte als Hochlfurfahrzeug im Mai im Einsatz als Fahrschule immer mal wieder auf Strecke beobachtet werden. Am 8. Mai eilte ich dem Fahrzeug von der Georg-Eckert-Straße zum neuen Motiv auf der Helmstedter Straße am Marienstift voraus. Dort klappte dann die seltene Chance eines Hochflurers an dieser Stelle, mit 7752 noch dazu in genau passender Länge. Erst der 18. Mai markierte schließlich das Ende des Corona-Fahrplans und die Hochflurer rückten wieder regulär aus dem Betriebshof aus.


2. Abendliche Einrückfahrten

Nach den größten Einschränkungen bis Ende April, war auch im Mai abgesehen von Tagesausflügen noch nicht viel möglich. So konzentrierte sich die fotografische Tätigkeit weiterhin auf die Straßenbahn in Braunschweig. Ab dem 18. Mai galt abgesehen vom Nachtverkehr wieder der reguläre Fahrplan und auch der Füllungsgrad der Straßen erreichte langsam wieder Normalniveau.

Wenn man dann noch das Gefühl bekommt, schon alles überall aufgenommen zu haben, muss man sich auf die Suche nach einer neuen Nische begeben. So konzentrierte ich mich auf die abendlichen Einrückfahrten, welche immer wieder Fahrzeuge zu ungewohnten Zeiten an Motive bringen, die sonst nicht möglich sind, zumal diese Fahrten nun im Mai auch wieder bei ausreichend Licht stattfanden.


Am 29. April 2020 rückt der Hängerzug 0758+7472 um 20:30 Uhr aus Stöckheim kommend über den Willy-Brandt-Platz und Leonhardplatz in den Betriebshof ein. Im Linieneinsatz sind die Hängerzüge hier nur während der Zeit einer Umleitung der Linie 1 im Jahr 2016 durchs Magniviertel anzutreffen gewesen.


Am 15. Juni rückt der zweite Hängerzug aus 0757+7471 eine Stunde früher ein und konnte am Leonhardplatz noch im Sonnenschein aufgenommen werden.


Einer der letzten Kurse der Linie 10 wechselt nach Ankunft am Hauptbahnhof noch für eine halbe Runde auf die Linie 3. 7755 wartet daher am Hauptbahnhof auf die Abfahrtszeit um 20:07 Uhr für die Überführungsfahrt über Kurt-Schuhmacher-Straße – Kennedyplatz und Lessingplatz zum Friedrich-Wilhelm-Platz.


Diese Fahrt bietet nicht nur eine der wenigen täglichen Gelegenheiten für Aufnahmen auf der Verbindungsstrecke über den Lessingplatz, auch wird der Kurs an Schultagen in der Regel von einem von der 10 kommenden Hochflurer bedient. Als besonderes Highlight liegt die Streckenachse an den längsten Tagen im Jahr auch noch direkt im letzten Abendlicht. So auch als der „Albino“ – GT6 7756 mit B4 7776 – am 29. Mai um 20:14 Uhr über den Lessingplatz zum Friedrich-Wilhelm-Platz hinüber fährt.


Am 15. Juni waren 8165+8471 auf dem Kurs unterwegs und konnte auf dem besonderen Bahnkörper am Bruchtorwall kurz vor dem Friedrich-Wilhelm-Patz aufgenommen werden.


Auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz wartet der Kurs anschließend meist noch einen kurzen Moment auf die planmäßige Abfahrtszeit Richtung Volkmarode. Nach der Tour in den Osten der Stadt rückt der Kurs schließlich über Schloss und Leonharstraße ins Depot ein.


3. Baustellenumleiter

Seit den Sommerferien wird in Braunschweig wieder groß gebaut: Zum einen entsteht am Bahnhof Gleismarode ein neuer „Mobilitätsknoten“ in dessen Zuge auch die Strecke bis zur Querumer Straße saniert wird, zum anderen wird die Georg-Eckert-Straße runderneuert.
Für die Linie 3 bedeutete dies in den Sommerferien die Vollsperrung der Strecke nach Volkmarode. Die Bahnen wurden vom Hagenmarkt zum Radeklint umgeleitet. Die Linie 4 wurde in diesem Zeitraum vollständig ausgesetzt, da auch die Strecke durch’s Magniviertel aufgrund der Baustelle in der Georg-Eckert-Straße gesperrt war. Stattdessen wurde die Linie 5 praktisch vom Hauptbahnhof zum Hauptfriedhof verlängert und übernahm damit den letzten Rest der Linie 4, auch wenn die Bahnen in diesem Abschnitt ohne Liniennummer, nur mit dem Ziel Helmstedter Straße und Hauptbahnhof unterwegs waren. Die Weiterfahrt mit der Linie 5 erfolgte schließlich mit einer Schleifenfahrt am Hauptbahnhof über Kurt-Schuhmacher-Straße – Kennedyplatz zur Ersatzhaltestelle Schloss im Waisenhausdamm und weiter nach Broitzem, wie dies in der Vergangenheit schon häufiger praktiziert wurde.

Mit dem Ende der Sommerferien und der pünktlichen Wiederaufnahme des Betriebes nach Volkmarode, wurde auch die Linie 4 wieder eingeführt. Durch den Umweg über den Hauptbahnhof benötigt die Linie nun allerdings bis zum Ende der Baumaßnahme vier statt drei Wagen. Die Fertigstellung der Georg-Eckert-Straße verzögert sich derweil bis ins Frühjahr 2021.


Während der Sommerferien endete die Linie 3 am Radeklint. Durch die ungünstige Umlauflänge fiel die Pause an der Blockumfahrung am Inselwall allerdings sehr lang aus, sodass nicht selten beide Gleise besetzt waren. Beide Traminos haben am 31. Juli bereits das Ziel Weststadt als Linie 3 eingeschildert, da die Linie 4 in diesem Zeitraum nicht verkehrte.


In der Allee entlang der Langen Straße zwischen Alte Waage und Radeklint kann das ungewöhnliche Ziel von Tramino 1463 am 31. Juli gut erkannt werden.


Für die Linie 5 war auf dem Waisenhausdamm wiedermal die Ersatzhaltestelle Schloss eingerichtet. Am Abend des 18. August verlässt GT6S 9551 die Haltestelle Richtung Broitzem.


Während der Sommerferien verkehrten zwischen Hauptbahnhof und Helmstedter Straße die Bahnen der Linie 5. Am Hauptbahnhof wurde zwar das Linienziel gewechselt, eine Liniennummer zeigten die Wagen zwischen Hauptbahnhof und Helmstedter Straße jedoch nicht an. So hat auch 9551 am Morgen des 31. Juli lediglich das alleinstehende Ziel „Hauptbahnhof“ eingeschildert, als ich ihn vor der Stadthalle auf dem Willy-Brandt-Platz aufnahm. Passend zu den zahlreichen brutalistischen „Ikonen“ Braunschweigs entstand im April 2020 ein eigener Artikel: Brutalistisches Braunschweig – Nachkriegsarchitektur entlang der Straßenbahn


Die Linie 4 wurde nach den Sommerferien wieder eingerichtet und über den Hauptbahnhof umgeleitet. Dabei wird die Betriebshaltestelle auf dem Berliner Platz vor dem Hauptbahnhof wiedermal für einige Monate bedient. Am 21. September biegt 9557 von der offiziell als „Hauptbahnhof/Viewegs Garten Bahnsteig H“ bezeichneten Haltestelle in die Kurt-Schumacher-Straße ab.


4. Großbaustelle Bahnhof Gliesmarode

Während die Strecke in der Mitte der Georg-Eckert-Straße lediglich saniert wird, gestalten sich die Baumaßnahmen am Bahnhof Gliesmarode deutlich umfangreicher. Hier entsteht derzeit ein großer Mobilitätsknotenpunkt mit Umstieg zwischen Regionalbahn, Straßenbahn und Bus. Die Straßenbahnhaltestelle rückt unter der Brücke hervor auf den Platz und kann zukünftig auch vom Busverkehr genutzt werden. Der Bahnhof erhält einen völlig neuen, barrierefreien Zugang von der Haltestellenanlage. Zusammen mit dem neuen Stundentakt auf der Strecke Braunschweig-Gifhorn, soll der ÖPNV auf diese Weise attraktiver werden. Während die Haltestellenanlage allmählich Gestalt annimmt und seit dem 15. Dezember wieder für den Straßenbahnverkehr freigegeben ist, kommt die Sanierung des bis heute weitgehend auf Vorkriegsstatus verharrtem Bahnhof noch nicht in Gang. Generell darf die gesamte Maßnahme durchaus kritisch betrachtet werden, verlängern sich doch durch die Neugestaltung die Wege zwischen Straßenbahnhaltestelle und Bahnsteigen sogar noch und der schnelle südöstliche Zugang zum Bahnhof von der Grünewaldstraße entfällt ersatzlos. Die Zukunft wird zeigen, ob diese Maßnahme tatsächlich zu nennenswerten Umsteigerzahlen zwischen Regionalbahn und Straßenbahn führen wird.


Am 16. Januar zeigt sich die Haltestellenanlage am Bahnhof Gliesmarode noch im gewohnten Zustand, an dem sich seit der Eröffnung der Strecke nach Volkmarode in den 70er Jahren nichts Wesentliches geändert hat. Die Kräne im Hintergrund bauen bereits fleißig an den hier entstehenden neuen Wohnquartieren. Mit der Einführung des 5/10-Minuten-Taktes sind die 95er GT6S seit Ende 2019 wieder Stammgast auf der Linie 3. 9551 trug Anfang des Jahres noch das neue Tramino-Design ohne jegliche Werbestörung und war ein immer gern gesehenes Fahrzeug. Inzwischen wird der Anblick durch eine Bandenwerbung getrübt.


Und so stellt sich die Szenerie um den Bahnhof Gliesmarode inzwischen dar: Die Sackgasse auf der rechten Seite ist vollends einem Fuß-/Radweg gewichen und die Haltestellenanlage deutlich von der Brücke abgerückt. Die überlangen Bahnsteige sind mit Kassler-Busborden versehen und die Fahrbahn speziell verstärkt ausgeführt, um die Mitbenutzung durch den Busverkehr zu ermöglichen. Die Wohnquartiere im Hintergrund schießen derweil unaufhaltsam in die Höhe, als Tramino 1466 am 18. Dezember die Haltestelle erreicht. Erst drei Tage zuvor war die Haltestelle wiedereröffnet worden.


Auch nach Wiederinbetriebnahme der Strecke nach Volkmarode war die Umgebung am Bahnhof Gliesmarode noch eine Großbaustelle. So hatte die Ersatzhaltestelle in der Gliesmaroder Straße, wie beschrieben noch bis in den Dezember bestand. Auf der Gleismaroder Straße ergab sich dadurch ein neues Motiv, ohne störende Reihe parkender Autos. Am 1. September durchfährt Tramino 1460 die Ersatzhaltestelle ohne Halt.


5. Der Tramino II kommt in Gang

Lange war es ruhig geworden um die Inbetriebnahme des ersten Tramino der zweiten Serie, welcher bereits im Sommer 2019 angeliefert wurde. Am 6. Mai 2020 wurde schließlich still und heimlich eine kleine Übergabezeremonie der BSVG an der Haltestelle Friedrich-Wilhelm-Platz abgehalten. Symbolisch setzte ein 77er-Zug aus und 1951 ging auf die Linie 3 über. Am Nachmittag erreichte auch mich die Nachricht des Einsatzes und so konnten noch einige Aufnahmen am ersten Einsatztag des Tramino II 1951 angefertigt werden. Einen ausführlicheren Bericht dazu habe ich hier geschrieben: Erster Tramino II im Liniendienst.

Da die Annahme weiterer Neufahrzeuge von der BSVG bis zur Inbetriebnahme von 1951 gestoppt wurde, begann in den folgenden Monaten schließlich die Lieferung der weiteren sechs Fahrzeuge aus Polen. Am Morgen des 1. Juni 2020 konnte ich die Anlieferung von 1952 am Hauptgüterbahnhof fotografisch begleiten. In der Woche zuvor war bereits 1953 geliefert worden. Einen ausführlichen Bericht habe ich auch hierzu geschrieben: Einen 50-Tonner auf die Schiene bringen – Anlieferung Tramino II 1952 in Braunschweig.

In den folgenden Monaten wurden die neuen Fahrzeuge nach und nach in Betrieb genommen. Auf 1951 im Mai, folgten am 18. August 1952 und 1953. Im September wurde 1955 in Betrieb genommen und mit 1956 und 1957 die beiden letzten Fahrzeuge geliefert. 1954 ging Ende Oktober in Betrieb, 1956 folgte Mitte November. Als einziges Fahrzeug wartet nun noch 1957 auf die Inbetriebnahme, welcher auch Mitte Dezember noch nicht im Liniendienst angetroffen werden konnte.


Meine erste Aufnahme des Tramino II 1951 im Liniendienst. Als Linie 3 biegt der Wagen am Nachmittag des 6. Mai 2020 vom Friedrich-Wilhelm-Platz Richtung Europaplatz ab. An der Haltestelle rechts im Hintergrund hatte am Vormittag die kleine Übergabezeremonie stattgefunden – corona-bedingt ohne Ankündigung und unter Ausschluss der Öffentlichkeit.


1952 berührt am 16. Juni 2020 erstmals Braunschweiger Gleise. Im August tauchte das Fahrzeug schließlich ertmals im Liniendienst auf.


Im letzten Abendlicht konnte ich am 18. November 2020 den Tramino II 1952 in der Fotokurve Richtung Stöckheim zwischen den Haltestellen Militsch- und Trakehnenstraße aufnehmen. Gut zur Geltung kommen durch das schwache Restlicht die LED-Scheinwerfer der neuen Generation, welche äußerlich das auffälligste Unterscheidungsmerkmal zu den 2014er Fahrzeugen darstellen. Eine Woche später wurde das Fahrzeug auf dem Europaplatz von einem vermutlich von der tief stehenden Sonne geblendeten LKW gerammt und an der rechten Seite des Fahrzeugkopfes stärker beschädigt, konnte aber im Anschluss aus eigener Kraft zurück ins Depot fahren.


1953 kam erstmals am 18. August 2020 auf der Linie 3 zum Einsatz. Am 25. November nahm ich den Tramino II in der Weststadt kurz vor der Haltestelle Saalestraße auf. Die Traminos kommen inzwischen auf allen Linien regelmäßig zum Einsatz. Während die Linie 3 mit täglich allen Niederflurtypen die größte Abwechslung bietet, haben die fassungsstarken Traminos nur die Linie 1 fast exklusiv, wo sie lediglich durch die zwei verbliebenen NGT8D+B4-Züge ergänzt werden.


1955 ging im September in den Liniendienst und konnte am 21. September als Linie 5 vom Hauptbahnhof kommend vor der Haltestelle J.-F.-Kennedy-Platz aufgenommen werden. Da die Straßenbahnsparte von Solaris zwischen den beiden Tramino-Generationen von Stadler übernommen wurde, prangt an der Front der neuen Fahrzeuge nicht mehr das Solaris-Logo, sondern eine Plakette mit dem neuen BSVG-Schriftzug. Über den Sommer wurde das Solaris-Logo auch bei allen 14er Traminos in kürzester Zeit durch das neue Logo ersetzt.


1954 musste bis in den Oktober auf seinen Ersteinsatz im Liniendienst warten. Am 25. November konnte das Fahrzeug an ungewohnter Stelle auf der Betriebsstrecke zwischen Friedrich-Wilhelm-Platz und J.-F.-Kennedyplatz hinter dem Lessingplatz aufgenommen werden. Der Unfall mit 1952 auf dem Europaplatz hatte den Verkehr Richtung Weststadt und Broitzem zum Erliegen gebracht, sodass die Fahrzeuge der Linien 3 und 5 am Friedrich-Wilhelm-Platz strandeten, wo erstaunlich schnell für kurze Zeit ein SEV eingerichtet wurde. Dem Unfallwagen 1952 folgte NGT8D 0762 als Linie 3 nach Volkmarode über die Betriebsstrecke. Anschließend wurden zwei Kurse der Linie 5 – wohl um sie erstmal los zu werden – vom Friedrich-Wilhelm-Platz über die Betriebsstrecke als Linie 1 zum Stadion geschickt. Von dort fuhren die beiden 19er Traminos anschließend zum Hauptbahnhof, wo sie als Linie 5 auf die wieder freigegebene Strecke nach Broitzen einsetzten.


Mitte November wurde 1956 in den Liniendienst überstellt. Mit dem größer werdenden Angebot an Traminos kommen diese nun auch regelmäßig an Werktagen auf der auslastungsschwächsten Linie 4 zum Einsatz, wo sie zuvor in der Regel höchstens am Sonntag zu beobachten waren. Die zuvor auf dieser Linie gesetzten 95er kommen hingegen vermehrt auf der seit Oktober 2019 verdichtet fahrenden Linie 3 zum Einsatz. Am 20. November 2020 konnte 1956 wenige Tage nach seiner Inbetriebnahme auf der Linie 4 am Hauptfriedhof Richtung Radeklint aufgenommen werden.


6. Eine unerwartete Überraschung zwischendurch: ATw 482

Auf dem Weg durch die Stadt begegnete mir am 11. November unerwartet der Arbeitswagen 482 in der Friedrich-Wilhelm-Straße und bog auf die Betriebsstrecke über den Lessingplatz ab, wo er aber zunächst an der Haltestelle Friedrich-Wilhelm-Platz stehen blieb. Schnell wurde die Kamera geholt und die Suche gestartet, wobei ich die Strecke vom Depot rückwärts Richtung Stadt aufrollte. Fündig wurde ich allerdings nicht mehr und als ich bereits aufgegeben hatte und auf dem Rückweg am Inselwall vorbeikam, erblickte ich das ungewöhnliche Gefährt in der Endschleife neben einem 95er. So entstanden dann doch noch Aufnahmen des Schleifwagen, den ich schon seit Jahren nicht mehr vor die Kamera bekommen hatte, zuletzt im Jahr 2014 auch nur abgestellt im Depot. Meist geht der Einzelgänger tief in der Nacht seiner Beschäftigung im Netz nach, wenn der Linienbetrieb höchstens noch im Nachtbetrieb stattfindet. Wo schon die historischen Fahrzeuge in diesem Jahr aufgrund der Umstände von mir bei keiner Gelegenheit auch nur gesichtet werden konnten, war dieser zufällige Fang dann doch mal eine nette Abwechslung.


Atw 482 am 20. November 2020 in der Blockumfahrung der Endschleife Inselwall. Nur sehr selten kann das Fahrzeug tagsüber im Netz angetroffen werden. Über Schloss und Friedrich-Wilhelm-Platz ging es anschließend über die Betriebsstrecke über den Lessingplatz zum J.-F.-Kennedy-Platz und über den Hauptbahnhof zurück in den Betriebshof.


7. Wie steht es um die letzten Hochflurer?

Diese Frage dürfte wohl viele am meisten interessieren. Besonders im Frühjahr und vor den Sommerferien erreichte der Hype um die letzten Braunschweiger Hochflurwagen noch einmal einen Höhepunkt. Fast tägliche Wagenmeldungen waren im Netz zu finden und selten war ich als einziger Fotograf an der Strecke unterwegs. Wie schon im vergangenen Jahr galt die Vermutung, dass die Wagen zum Herbst endgültig aus dem Liniendienst verschwinden würden. Genauso stellte sich diese Befürchtung vieler Altwagenfans im Nachgang allerdings auch in diesem Jahr als unnötig heraus, wenngleich viele mobilitätseingeschränkte Nutzer des ÖPNV in Braunschweig das Verschwinden der letzten Treppenstufen und „Rappelbahnen“ aus dem Linienbetrieb sehnlichst herbeiwünschen. Einzige Abgänge in diesem Jahr waren der Mannheimer GT6 7751 und der B4 7776. 7751 hatte seinen letzten Einsatz am Montag den 16. März und kam nach dem Ende des Corona-Fahrplans nicht wieder aus dem Betriebshof. Der Beiwagen 7776 verschwand Anfang Juli aus dem seit Jahren festen Zugverband mit 7756 und wurde durch den vom 7751 freigewordenen 7771 ersetzt.

Im Jahr 2019 waren Hochflureinsätze abseits der Linien 1 und 3 gerade mit dem Solo-Mannheimer 7752 zeitweise noch täglich vorgekommen. Mit der Einführung der neuen Linie 10, konzentrierte sich der Einsatz ab Oktober 2019 auf diese Verstärkerlinie. Während auf der Linie 1 fortan keine planmäßigen Hochflurkurse mehr zum Einsatz kamen, verblieben auf der Montag bis Freitag ebenfalls auf 5/10 Minuten-Takt verstärkten Linie 3 zwei Hochflurkurse im Fahrplan. Mindestens einer der beidem Kurse war in der Regel auch mit einem Hochflurer besetzt. Mit fortschreitender Inbetriebnahme der Tramino II, verschwanden schließlich mit Fahrplanwechsel im Oktober 2020 die beiden letzten Hochflurkurse von der Linie 3, sodass die Linie 10, abgesehen von zwei morgendlichen Verstärkerkursen auf der Linie 1, als letztes planmäßiges Einsatzgebeit der Hochflurer verblieb. Dort konnten dafür nicht selten auf allen fünf Kursen Altwagen angetroffen werden. Zum Jahresende schwankte die Zahl der Hochflurer auf der 10 dann meist zwischen einem und vier Kursen.

Im Gegensatz zu 2019, konnte das fahrplanmäßige Niederflurangebot auf den übrigen Linien auch weitgehend eingehalten werden. Nur an wenigen Tagen verirrten sich durch kurzfristigen Fahrzeugtausch noch Hochflurer auf andere Linien als die 3 und 10. Am ehesten war auf der Linie 1 hin und wieder noch ein Hochflurzug im Einsatz, wobei sich die Einsätze 2020 wohl an zwei Händen abzählen lassen. Nur im Ausnahmefall tauchte der Solo-Mannheimer 7752 doch noch mal auf der Linie 4 auf, wo er es sich im Jahr 2019 noch recht gemütlich gemacht hatte. Als Highlight rotierte am sonnigen 15. Juni die Schuhschachtel GT6 8157 mit B4 8175 kurzfrisitg auf die Linie 5, auf der Hochflurer planmäßig schon seit einigen Jahren nicht mehr zum Einsatz kommen.

Auch die beiden 74er Beiwagen 7471 und 7472 sollten laut einer Mitteilung der BSVG durch die Inbetriebnahme der fassungsstarken Traminos ausgemustert werden, kommen aber auch zum Jahresende weiterhin hinter den NGT8D 0757 und 0758 auf der Linie 1 zum Einsatz.

So bleibt weiterhin ein wenig unklar, wie die letzten sieben in diesem Jahr eingesetzten Hochflurtriebwagen bei einer Schadensrate von teilweise knapp der Hälfte der 95er-Flotte langfristig durch lediglich sieben Neufahrzeuge ersetzt werden sollen. Die Instandhaltung der 95er GT6S, welche mit nun schon 25 Jahren und ihrer 90er-Jahre-Elektronik ihre Lebenserwartung auch allmählich erreicht haben, wird jedenfalls nicht leichter werden. Durch den schweren Unfall am Bohlweg im Sommer 2020 fallen zudem je ein NGT8D und ein 14er Tramino noch einige Zeit aus und derartige Ereignisse sind schließlich auch in Zukunft nicht auszuschließen. Immerhin die Verfügbarkeit der Traminos scheint sich über die letzten Jahre stabilisiert zu haben. Auch die sechs bislang in Betrieb genommenen Tramino II konnten, abgesehen vom verunfallten 1952, in den letzten Wochen und Monaten beinahe täglich im Einsatz beobachtet werden.
Dennoch scheint der 1:1-Ersatz der letzten Hochflurfahrzeuge kaum realistisch und Gerüchte über den Erhalt einiger Hochflurer, eventuell der beiden 81er-Züge als eiserne Reserve, halten sich hartnäckig. Bleibt abzuwarten, wie sich die Situation im kommenden Jahr weiterentwickelt…

Mit dem 18. Dezember endete durch den vorgezogenen Beginn der Weihnachtsferien vorerst der Einsatz der letzten Hochflurzüge mindestens bis zum Ende der derzeitigen Notverordnungen. Bis mindestens 10. Januar 2021 gilt nun erneut ein Corona-Fahrplan, welcher im Gegensatz zum Frühjahr aber weitgehend dem Ferienfahrplan mit 15-Minuten-Grundtakt auf allen Linien entspricht. Mit einem erneuten Einsatz ist wohl erst wieder mit der Öffnung von Schulen und Einzelhandel zu rechnen, sodass abzuwarten bleibt, wann und in welcher Anzahl die letzten Hochflurer im kommenden Jahr wieder auf Linie erscheinen werden.

Zum Abschluss des Braunschweig-Jahres folgen nun noch einige Impressionen der diesjährigen Hochflureinsätze.


Die absolute Ausnahme sind Hochflurzüge auf der Linie 5 zwischen Hauptbahnhof und Broitzem. Die Einsätze im Jahr 2020 dürften sich wohl an einer Hand abzählen lassen. Am 15. Juni 2020 wurde der Einsatz von 8157+8175 auf der Linie 5 vermeldet, sodass ich jeweils am Vor- und Nachmittag eine kleine Runde an der Linie drehte. Am Vormittag konnte so der Klassiker im Magniviertel nach Längerem mal wieder mit einem 81er-Zug umgesetzt werden.


Am Nachmitag passiert der Schuhkarton das rechts im Bild nicht zu sehende, kleine Stadtteilzentrum zwischen der Haltestelle Am Queckenbrunnen und dem Donauknoten.


Zum Abschluss stand dann noch ein Motiv in der Leonhardstraße auf meiner Liste, welches ich schon seit Langem noch mit einem Hochflurzug umsetzten wollte. Hier am Abend stadteinwärts fahrende Hochflurer zu erwischen, funktioniert aber schon seit Jahren nur noch, wenn sich ein Wagen in den Umlauf der 4 oder 5 verirrt. 8157+8175 erreichen die Haltestelle Am Magnitor.


7752 tauchte im Jahr 2020 deutlich seltener auf der Linie 4 auf, als noch im vergangenen Jahr. Am 1. September war einer der wenigen Tage mit einem Hochflurkurs auf der 4 und der Solofahrer konnte auf einer abendlichen Feierabendrunde am Abzweig zum Betriebshof kurz vor der Haltestelle Ackerstraße aufgenommen werden.


Durch die Stadt konnte ich den Mannheimer mit dem Rad wiedermal knapp überholen und war neben der DAX-Bierbörse zwischen den Haltestellen Hagenmarkt und Alte Waage im Autoglück. Neben diesen seltenen Einsätzen auf der Linie 4, kam 7752 auch recht regelmäßig auf der Linie 10 zum Einsatz.


Der BraWoPark bietet auf dem Berliner Platz vor dem Hauptbahnhof seit einigen Jahren ein völlig neues Panorama. Am Nachmittag des damals auf unabsehbare Zeit letzten Einsatztages der Hochflurer konnte der Mannheimer-Zug aus GT6 7751 und B4 7771 über die das ganze Jahr abwechslungsreiche bepflanzten Blumenrabatten hinweg aufgenommen werden. Für 7751 war es der wohl letzte Linieneinsatz. Nach Ende des Corona-Fahrplans tauchte der Mannheimer nicht wieder in den Straßen Braunschweigs auf. Der Beiwagen wird hingegen seit Juli im Verband mit 7756 eingesetzt.


7752 war in diesem Jahr fast ausschließlich auf der Linie 10 anzutreffen. Nur selten verirrte sich das Fahrzeug auf andere Linien, wie am 25. Mai, als der GT6 auf der 3 einspringen musste. Die Einrückfahrt erfolgte dementsprechend über Schloss und Magniviertel, sodass ich den Wagen im nur wenige Tage im Jahr passenden Streiflicht in der Leonhardstraße abpassen konnte.


Nach dem Ende des Corona-Fahrplans tauchte der Mannheimer GT6 7755 zunächst ohne seinen angestammten „Museumsbeiwagen“ 7772 wieder im Liniendienst auf. Am 29. Mai fährt 7755 vor der Kulisse des Ring-Centers in die Haltestelle Hauptbahnhof ein.


Im Juni tauchte dann auch 7772 wieder an der Seite von 7755 auf. Am Abend des 18. September drehte ich in dem Beiwagen eine Feierabendrunde in den Sonnenuntergang auf der Linie 10.


Viele lange Jahre als Alltäglichkeiten hingenommen Details, werden mit den letzten Mannheimern aus Braunschweig verschwinden. So auch die unverkennbaren Haltewunsch- und Türöffnungtaster vor den DÜWAG-Patent-Falttüren. Hier eine Aufnahme von einer noch coronafreien Runde am 17. Februar 2020.


Ab Juli verkehrte 7756 unverkennbar mit einem anderen Beiwagen. Dabei handelt es sich um den vom 7751 freigewordenen 7771. Am 14. September konnte das nach vielen Jahren neu zusammengestellte Gespann zwischen Schloss und Friedrich-Wilhelm-Straße aufgenommen werden. Die Innenstadt hat sich seit Mitte Mai allmählich wieder mit Leben gefüllt.


Der Zug aus 7758 und 7775 blieb im Jahr 2020 unverändert im Einsatz. Am 29. Mai erreicht das Gespann den Hauptbahnhof. Das „Mercure“ gegenüber dem Hauptbahnhof wechselte im Laufe des Jahres den Besitzer und gehört nun zur Kette „Michel-Hotels“. Ob das „Mercure“ allerdings Opfer von Corona wurde oder andere Gründe zum Betreiberwechsel führten, entzieht sich meiner Kenntnis.


Stammlinie der Hochflurer war im Jahr 2020 eindeutig die Linie 10. So konnte auch der 81er Zug aus 8165 und 8471 mit großer Zuverlässigkeit hier angetroffen werden. Auch am 29. Mai war der Zug auf der 10 unterwegs. Das Motiv in der Stobenstraße mit St. Ägidien war eine meiner letzten offenen Hochflurstellen mit vernünftigem Sonnenstand im Jahr 2020 und konnte mit dem LHB-Zug zufriedenstellen abgehakt werden.


Am 2. November 2020 halten 8165 und 8471 gegen Ende der blauen Stunde an der Haltestelle Mühlenpfordstraße. Bleibt abzuwarten, ob die beiden 81er Züge doch noch etwas länger als erwartet als eiserne Reserve im Bestand bleiben…


Nicht viel weihnachtliche Stimmung vermochte die Braunschweiger Innenstadt in diesem Jahr zu vermitteln. Wenigsten die Lichtervorhänge am Hauptbahnhof boten im Dezember ein  weihnachtliches Motiv für den Mannheimer-Zug aus 7755 und 7772 am 11. Dezember 2020.


Nachdem bereits am Montag den 14. Dezember die Schulen vorzeitig in die Weihnachtsferien gingen und zum Mittwoch den 16. Dezember der Einzelhandel erneut schließen musste, galt bis zum Freitag den 19. Dezember noch der Normalfahrplan. Dementsprechend machte ich mich an diesem herrlichen Dezembertag für ein paar Abschiedsaufnahmen der Hochflurer zu mindestens für das Jahr 2020 auf. Völlig überraschend begegnete mir dabei der Zug aus 7756 und 7771 am Hauptbahnhof als Linie 1 auf dem Weg nach Wenden. Ich machte mich also mit dem Rad auf den Weg nach Stöckheim und erwartete den Zug in der Endschleife Salzdahlumer Weg. Nachdem die Endschleife seit der Eröffnung im Jahr 2006 viele Jahre mehr oder weniger auf freiem Feld lag, entsteht seit 2019 ein großes Neubaugebiet. Die fertiggestellten Häuser neben 7756 sind dabei noch die kleineren Vertreter. In meinem Rücken und links entsteht ein Neubaugebiet mit für diese Randlage gigantischen neuen Wohnbunkern.


Zur blauen Stunde des letzten Einsatztages fand ich mich noch einmal am Hauptbahnhof ein. Für die Rush-Hour war das Treiben durch geschlossene Schulen, Einzelhandel, Gastronomie, Freizeit- und Sporteinrichtungen recht beschaulich. Dennoch zogen die Hochflurer an diesem letzten Einsatztag noch unbeirrt ihre Runden. Um 17 Uhr passte dann wirklich alles: Die blaue Stunde hatte genau die richtige Resthelligkeit erreicht und die Mannheimer Züge 7758+7775 und 7756+7771 begegneten sich an der Haltestellenanlage am Hauptbahnhof. Eine Aufnahme, die so auch nur dank des Einsatzes auf der Linie 1 möglich war, kreuzen doch die Fahrzeuge der hier endenden Linie 10 erst am J.-F.-Kennedy-Platz. Ein wenigstens fotografisch perfekter Jahresabschluss…


Bleiben wir also gespannt auf die Entwicklungen bei der Braunschweiger Straßenbahn und hoffen insgesamt auf ein etwas „gewöhnlicheres“ Jahr, als es 2020 war…

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